Rollentausch: Die unterschätzte Kraft des Perspektivwechsels

Awareness-Training im „Hier und Jetzt“ und der Perspektivwechsel durch Rollentausch gehören zu den wichtigsten Methoden aus meiner gestalttherapeutischen Ausbildung, die bis heute in meiner Arbeit lebendig geblieben sind.

Ich kenne kaum einen methodischen Zugang, der die Einfühlung in einen anderen Menschen so unmittelbar erfahrbar macht, wie das tatsächliche Einnehmen der Haltung und Sprechen aus der Perspektive des Anderen.

Oft nutzen wir – wenn überhaupt – die kleine Schwester des Rollentauschs: das zirkuläre Fragen.

👉„Wenn ich deine beste Freundin fragen würde: Was würde sie über dich sagen?“
👉„Wenn ich dein Vorgesetzter wäre: Was würde ich wahrnehmen?“
👉„Wenn deine Kollegin deine Situation beschreiben müsste: Was würde sie sehen?“

Das ist ein wertvoller erster Schritt in Richtung Perspektivwechsel. Noch kraftvoller wird es jedoch, wenn wir wirklich die Rolle wechseln: Wenn wir die Position und Körperhaltung verändern und aus der Ich-Perspektive sprechen:

👉„Ich bin dein Mitarbeiter. Ich erlebe dich als …“
👉„Ich bin deine Partnerin. Ich nehme wahr, dass …“
👉„Ich bin ein Teil von dir, der bisher wenig gehört wurde …“

Plötzlich verändert sich etwas. Die veränderte Haltung führt zu einer stärkeren Identifikation und intensiviert die Erfahrung. Vom „Denken über“ den anderen Menschen oder den eigenen Anteil finden wir ins Erleben.

Die Wurzeln dieser Technik liegen im Psychodrama. Jacob Levy Moreno (1889-1974) entwickelte den Rollentausch als eine zentrale Methode, um Menschen zu ermöglichen, innere und zwischenmenschliche Perspektiven unmittelbar zu erleben.

Die Gestalttherapie – insbesondere Fritz und Laura Perls sowie ihre Weiterentwicklungen – griff diese Idee in den 1950er Jahren auf und integrierte sie in die Arbeit mit inneren Dialogen, dem „leeren Stuhl“ und dem bewussten Wahrnehmen im gegenwärtigen Moment.

Zum Einstieg in einen Rollentausch hilft oft ein kleines Interview, das vom Allgemeinen allmählich zum konkreten Anlass führt:

👉„Erzähl mal, wie alt bist Du als…? … Was ist deine Aufgabe? … Was machst Du zur Zeit gern? Was weniger? … Wie siehst du diesen Konflikt? Was wünscht Du Dir von x? Etc.

Ein fröhliches Beispiel dafür, wie das auch mit Gegenständen funktionieren kann, ist das „Interview mit einer Badewanne“, dass mir kürzlich in einem Urlaubsmagazin begegnet ist 😉😎

Bild und Text „Schimmel im Bad“ von Maike und Nick Jungclaus, Amrumzeit.

Ergänzt, kommentiert oder teilt diesen Beitrag gern bei LinkedIn »