Im eigenen Rhythmus
2001 habe ich mein erstes Buch über Coaching geschrieben. Damals wusste ich noch nicht, dass mir das Schreiben langfristig Freude machen würde. Und ohne die Anregung zu diesem Buch durch Friedo Schulz von Thun und meinen ersten Lektor bei Rowohlt, Herrn Müller, hätte ich es wohl auch nicht herausgefunden.
Im stramm getakteten Arbeitsalltag musste ich mir erstmal Platz schaffen und mich für Wochen vom Tagesgeschäft befreien, um das Thema tiefer zu durchdringen und auf die für mich passende Weise zu strukturieren. Erst im Rückzug wird das Schreiben längerer Texte zu einer freudvollen, motivierenden Tätigkeit, in die ich mich versenken kann und bei der ich die Zeit aus den Augen verliere.
Als ich im letzten Jahr das Buch für eine aktuelle Neuausgabe nochmal umfangreich überarbeiten und durch neue Kapitel ergänzen konnte, habe ich das wieder genauso erlebt. Dass sich der Verlag nach der langen Zeit nochmal so engagieren würde, obwohl man sich inzwischen mit der KI überall, jederzeit und zu Allem jeden Text beschaffen kann, hatte ich nicht erwartet.
Natürlich habe ich mich unterwegs auch gefragt, wieweit sich diese Anstrengung des Selber- Schreibens heute überhaupt noch lohnt. Und ob das selber geschrieben haben beim Lesen überhaupt noch zu merken ist? Die KI kann es doch inzwischen genauso gut, wenn nicht oft sogar besser 🥴
Ja, kann sein, aber auch früher gab es immer schon irgendwo jemanden, der es genauso gut oder besser konnte. Wenn wir danach gehen, brauchen wir gar nicht anzufangen.
Im letzten Herbst ist die Neuausgabe dann erschienen, deutlich dicker als früher und mit neuen Kapiteln zu Themen, die aktuell an Bedeutung gewonnen haben:
- Embodiment
- Stress und Resilienz
- Lösungsblockaden
- Online-coaching
- Coaching-Kompetenz in der Führungsrolle
- Coaching-Essentials.
Und wieder habe ich diesen stillen Rückzug genossen und das Privileg, mich im eigenen Rhythmus in Themen zu vertiefen, sie mir im Durchdenken und Formulieren zu eigen zu machen und mein Gehirn dabei zu trainieren. Manchmal braucht es das richtige Gegenüber zur richtigen Zeit, um etwas in uns zu entdecken, was wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten – und dann auch dranzubleiben.
Wie schade um diese Erfahrung, wenn wir uns das jetzt zunehmend durch die KI abnehmen lassen. 🥴
