Durchhalten und Weitermachen
– oder ist es Zeit für einen Richtungswechsel?
Die Klientin ist seit Jahren immer wieder am Rand ihrer Kräfte. Sie führt beinahe 1000 Mitarbeiter:innen, verantwortet gewaltige Budgets und hält ihrem Vorstand den Rücken frei. Der dankt es ihr, indem er sie auch an ihren kurzen Wochenenden und im Urlaub mit seinen spontanen Anliegen behelligt.
Sie leidet darunter und genießt es gleichzeitig, so wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Ihr Führungsteam weiß das ebenfalls zu nutzen. Wenn es mühsam oder schwierig wird, lehnen die Kollegen sich zurück und lassen sie machen. Sie zieht die Verantwortung an wie ein Magnet.
Der Mann ist vielbeschäftigt, die Kinder längst aus dem Haus – von dort kommen keine Beschwerden, damit aber auch keine Hilfe, sich in der Arbeit zu begrenzen.
Die Aufgabe ist sinnstiftend und erfüllend, aber sie findet nicht das richtige Maß. In solchen Momenten möchte sie hinschmeißen und stattdessen ihren Jugendtraum verwirklichen: einen kleinen Buchladen zu führen.
Was wäre da anders? Sie würde das Arbeitstempo bestimmen, die Atmosphäre im Geschäft und die Auswahl der Bücher. Abends einfach ein Schild ‚geschlossen‘ an die Tür und endlich wieder Zeit zum Lesen…
Nach kurzem Schwärmen lacht sie auf und sagt: „ja, ein schöner Traum, aber vermutlich würde ich dort versauern!“
Das wäre möglich, aber in diesem Traum stecken ein paar Qualitäten, auf die sie vielleicht mehr achten könnte? Was könnte es denn heißen, diese Beschreibung des Buchladens wörtlich zu nehmen und zu übertragen auf ihre jetzige Arbeit? Welche Atmosphäre möchte sie dort gestalten – und was würde ‚Zeit zum Lesen‘ dort bedeuten?
Die Klientin malt sich nun sehr konkret aus, wie sie ihren ‚Buchladen‘ im Job anders gestalten würde und wir sprechen auch über den Preis, den das kosten könnte:
An Bedeutung zu verlieren, aus dem Micromanagement auszusteigen und nicht mehr alles kontrollieren zu können, Konflikte zu riskieren und sich unbeliebt zu machen…
Sie bekommt trotzdem Lust zu einem Richtungswechsel – und der heißt in ihrem Fall: Sie braucht dafür erstmal keinen neuen Job oder Beruf, der Wechsel muss in ihrem Kopf passieren. Das wird Mut und etwas Zeit brauchen – und sie muss es nicht alleine schaffen, sie kann sich neben dem Einzelcoaching bei der Arbeit mit ihrem Führungsteam auch extern begleiten lassen.
Bild und Zitat von Francis Picabia
